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Interview: Klimaziele und weitere Herausforderungen der Baubranche

„Heute ist es wichtiger denn je, die flexible Nutzung und Zukunftsfähigkeit
eines Gebäudes frühzeitig präzise zu planen.“

 

Interview mit Assessor iur. Philipp Wolff

zur Person

Philipp Wolff ist Geschäftsführer der zarinfar GmbH und als Projektleiter Energie | Analyse und Strategie verantwortlich für das Geschäftsfeld GreenBuilding und Energieoptimierung.

Er überzeugt Kunden nicht nur mit Zahlen und Statistiken von der wirtschaftlichen Notwendigkeit eines Umdenkens, sondern zeigt Ihnen konkrete Handlungsoptionen auf.

 

Die Fragen stellte Sandra Schmitz, Expertin Unternehmenskommunikation, zarinfar GmbH.

 

Lesezeit: 7 Minuten

 

Bauen soll laut der Bundesregierung klimafreundlicher werden. Nach aktuellem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts soll Deutschland nicht mehr 2050, sondern bereits fünf Jahre früher klimaneutral werden, nämlich bis 2045. Bereits bis 2040 ist eine Verringerung der CO2 Treibhausgasemissionen um 88 Prozent gegenüber dem Jahr 1990 vorgesehen. Um dieses Ziel zu erreichen, hat die Bundesregierung im Mai ein geändertes Klimaschutzgesetz vorlegt.

Welche konkrete Bedeutung haben die gesetzlichen Anforderungen für die Bau- und Immobilienbranche?

Deutschland soll nicht nur klimafreundlicher werden, sondern Deutschland muss klimafreundlicher werden. Das folgt aus dem Pariser Klimaschutzabkommen und dem erheblichen Handlungszwang, um das 1,5-Grad-Ziel weltweit zu halten. Die ganze Welt und auch ganz konkret Deutschland bekommen die Auswirkungen in Form von Extremwetterereignissen Jahr um Jahr stärker zu spüren.

Das Bundesverfassungsgericht hat dem Gesetzgeber daher noch einmal eine Generationenverpflichtung auferlegt, nämlich noch frühzeitiger und konsequenter im Bereich Kilmaschutz zu agieren. Das ist für den von Ihnen angesprochenen Gebäudesektor von besonderer Bedeutung und das aus unterschiedlichen Gründen.

Zunächst einmal ist festzustellen, dass der Gebäudesektor einen ganz erheblichen Anteil an den CO2-Emissionen in Deutschland ausmacht und damit sowohl bei Neubau als auch bei Sanierung einer besonderen Verantwortung unterliegt. 40 Prozent aller CO2-Emissionen resultieren aus dem Gebäudesektor. Und das hängt zusammen mit der Errichtung von Gebäuden ebenso mit dem Betrieb von Gebäuden, denn die Bereitstellung von Behaglichkeit in Form von Warmwasser und Wärme sind sehr energieintensiv.

Sie sprachen auch die Kurzfristigkeit der Maßnahmen an, die bis vor wenigen Wochen nicht die Dringlichkeit hatte, wie sie sich heute darstellt. Wir führen dieses Gespräch im Sommer 2021 und die ersten Klimaschutzziele sind bereits in weniger als neun Jahren zu erreichen.

Das hat verschiedene Konsequenzen, um im Bereich Immobilien frühzeitig, wirtschaftlich klug und verantwortlich sowie nachhaltig reagieren zu können. Und darum haben wir unser Beratungsangebot darauf abgestimmt.

 

Das bedeutet nicht nur klimafreundlicher zu bauen, sondern die neuen gesetzlichen Vorgaben auch für Bestandsgebäude zeitnah umzusetzen. Welche Themen werden in den Fokus rücken?

Das wird sich in den nächsten Monaten und Jahren zeigen. Die Bau- und Immobilienbranche steht vor einer Vielzahl von erstzunehmenden Herausforderungen.

Zum einen haben wir den unverändert hohen Bedarf an Wohnraum und Gewerbefläche, der ein erhöhtes Bauvolumen bedeutet. Das heißt, es ist nach wie vor auf der Agenda der Bundespolitik und auch der von Privatinvestoren, Neubauten zu errichten.

Auf der anderen Seite haben wir es mit einer temporären, mit dem Klimaschutz zusammenfallenden, signifikanten Baustoff- und Baukostenerhöhung, zu tun. Diese resultieren aus Verknappung von Rohstoffen wie Holz und Sand auf der einen Seite. Insbesondere aber beruhen sie auf der Preiserhöhung von energieintensiven Baustoffen wie Beton, Zement, Glas, Aluminium und Stahl. Diese Baustoffe sind die Grundstoffe der Gebäude und unterliegen in den letzten Wochen und Monaten schon einer erheblichen Preissteigerung, werden aber in den kommenden Jahren einer weiteren, prozentual zweistelligen Preissteigerung unterliegen.

Das bedeutet, die Bau- und Immobilienbranche, die sich bisher nur über den Fachkräftemangel beschweren konnte, sieht sich einem enormen Handlungsdruck im Bereich Kilmaschutz und einer ernstzunehmenden insgesamten Verteuerung beim Bau und Betrieb von Gebäuden ausgesetzt.

 

Dies sind vielseitige Herausforderungen für Bauherrn und Betreiber von Liegenschaften. Worauf kommt es Ihrer Meinung nach jetzt an?

Es kommt – und das trägt dem hier im Unternehmen schon von Beginn an gelebte Beratungsansatz Rechnung – auf eine frühzeitige und umfassende Planung an. Das bedeutet, dass es heute noch wichtiger denn je ist, die Bedarfe und die Nutzungsart sowie die Zukunftsfähigkeit eines Gebäudes frühzeitig präzise zu planen und mit dem Bauherrn abzustimmen.

Denn wenn man über einen Neubau nachdenkt, wird man in fünf Jahren zum Beispiel eine ganz andere Ladeinfrastruktur vorhalten müssen als das heute der Fall ist. Und für große Gebäudeflächen wie Universitäten oder Verwaltungs- und Bürogebäude spricht man dann nicht von der einen oder von zwei Ladesäulen, die prestigehaft im Innenhof sind, sondern von 50 bis 200 Ladeeinheiten pro Tiefgarage.

 

Sind es Themen wie die Nutzung von Photovoltaikanlagen zur Deckung des Energiebedarfs von Gebäuden, die Architekten und Projektentwickler nun mitdenken?

Das wird zwangsläufig so kommen, denn das Gebäudeenergiengesetz, welches am 1. November 2020 erst in Kraft getreten ist, verpflichtet sowohl im Neubau wie bei umfassenden Sanierungen zur Integration von Erneuerbaren Energien. Das bedeutet, dass regenerative Energieerzeugung, sei es durch Photovoltaik, Solarthermie oder auch Geothermie – das sind für uns die drei wesentlichen Erzeugungsarten in Deutschland im urbanen Bereich – dass diese drei Erzeugungsarten durch die gesetzliche Verpflichtung ohnehin integriert werden müssen.

Die sogenannte Solarpflicht hat sich in diesem Sommer bundesweit nicht durchgesetzt, dass bedeutet, dass nicht auf jedem Neubau zwingend eine Photovoltaikanlage zu errichten ist. Aber es ist ja nur eine Möglichkeit durch Bundesgesetze diese Anforderungen zu formulieren. Inzwischen gehen einzelne Bundesländer auf Landesebene, einige Kommunen durch bestimmte Regularien dazu über, Neubauten mit einer Solardachpflicht zu versehen.

 

Auf die Projektbeteiligten kommen eine Vielzahl neuer gesetzlicher Anforderungen zu, hinzu kommen die von Ihnen angesprochenen Preissteigerungen in der Baubranche allgemein. Es ist heute schon eine Herausforderung, in komplexen Bauprojekten nicht über die Zeit, nicht über das Budget zu laufen. Was wird in den nächsten Monaten eine Rolle spielen?  

Sie formulieren eine der größten Herausforderungen der Bau- und Immobilienbranche der nächsten Jahre. Zum einen wird aufgrund der eben dargestellten Klimaschutzauflagen, die zum anderen zeitlich mit dem erhöhten Rohstoff- und Gebäudeerrichtungskosten stattfinden, sich die Wirtschaftlichkeit von Gebäuden verändert darstellen. Tradierte Kalkulationen müssen neu gedacht werden.

Die Frage ist wie man damit umgeht. Der Bund begegnet dem seit dem 1. Juli 2021, das heißt seit wenigen Wochen mit umfassenden Förderprogrammen, die sich sowohl auf den privaten wie auch auf den öffentlichen Sektor erstrecken. Konkret handelt es sich um die sog. Bundesförderung für effiziente Gebäude. Das bedeutet, dass die Bundesregierung erkannt hat, dass die Baubranche und die Nutzer von Immobilien ohne eine staatliche Unterstützung unter Kosten- und Finanzierungsdruck geraten würden.

Dann gilt es auch zu überlegen, ob private Neubauvorhaben, sprich Ein- und Zweifamilienhäuser in der gewohnten Form abbildbar sind, weil die Baukosten jene Preissteigerung erfahren haben und durch die weitere CO2 Bepreisung erfahren werden. Gleiches gilt dann im Übrigen auch für den Mietmarkt, denn die Investitionen in Klimaschutz und Sanierung oder die deutlich teureren Neubauten werden rückfinanziert werden müssen, was zum Teil über die eben genannte Förderung gelingt, aber nicht ausschließlich.

 

Die zarinfar GmbH hat bereits im Juni ein Seminar über die Nutzung von Photovoltaikanlagen in Kooperation mit der Rechtsanwaltskanzlei bbh angeboten. Weitere Termine sind für den Herbst geplant. Sind Sie mit den Seminarinhalten bei den Beteiligten, die wie Sie eingangs sagten jetzt die Verantwortung tragen, auf offene Ohren gestoßen?

Ja, wir haben wie erwartet eine hohe Akzeptanz bei diesen Themen vorgefunden. Das liegt an der Komplexität, die sich bei der Betrachtung einer etablierten Technologie wie der Photovoltaikanlage zunächst einmal gar nicht aufdrängt. Aber die steuerlichen, rechtlichen, wirtschaftlichen und technischen Voraussetzungen einer Photovoltaikanlage bei der öffentlichen Hand, die wiederum verschiedene Entscheidungshierarchien, Verantwortlichkeiten und besondere Auflagen im Umgang mit Steuergeld mit sich bringt, sind bei Weitem nicht so trivial wie es scheint. Deswegen ist der Beratungsbedarf der öffentlichen Hand durchaus nachvollziehbar und die Herausforderungen führen auch zu den signifikanten wie bedauerlichen Verzögerungen im Ausbau der Photovoltaik auf öffentlichen Liegenschaften, denn das Potential der Dachflächen ist enorm und bis heute weitgehend ungenutzt.

 

Das Interesse ist also groß und die Förderprogramme der Bundesregierung werden eine deutschlandweite Umsetzung der Klimaschutzvorgaben vorantreiben. Wie ist Ihre Einschätzung zum Bedarf an Beratungsleistungen in den nächsten Monaten?

Ja, das ist ein guter Aspekt. Das Zusammenspiel von Spezialisten wird den Erfolg von Bauprojekten prägen, wird ausschlaggebend sein. Das bedeutet, dass es nicht nur wie bisher Architekten und Ingenieure bedarf, es bedarf zudem spezialisierter Rechts- und Steuerexperten, sowie Fördermittelexperten und natürlich auch Nachhaltigkeitsexperten, die dann aus dem Bereich der Fachingenieure kommen.

Das heißt die Komplexität der Bauvorhaben nimmt zu und durch die signifikante Kostensteigerung auch der Bedarf eines spitzen Bleistifts, denn die Interessen die dort übereinander zu bekommen sind, sind eine echte Herausforderung. Die Wirtschaftlichkeit wird nicht mehr so dominieren wie in der Vergangenheit, weil die Nachhaltigkeit ein prägender Aspekt ist.

 

Ich stelle mir vor, dass die Baubranche von den Beratungsleistungen der Fachexperten und dem Zusammenspiel dieser Experten profitiert. Würden Sie das bestätigen?

Ja, da bin ich Ihrer Meinung, auch aus den folgenden Gründen. Wir sprachen eben über die Photovoltaik als dezentrale Energieerzeugung, die in erster Linie auf die Stromerzeugung abzielt. Ein wesentlicher, meist unterschätzter und weniger in der Berichterstattung stattfindender Bereich, ist die Wärme.

Die Erzeugung von Wärme für beheizte Büros und Häuser im Winter, ist der eigentlich größere Teil der Energieerzeugung und dabei geht es um die sogenannte Sektorenkopplung. Der Sektor Strom, der Sektor Wärme und der Sektor Verkehr müssen miteinander kombiniert werden und das führt dazu, dass man ganzheitlicher denken muss, insbesondere im urbanen Umfeld. Um Ihre Frage zu beantworten: Bei größeren Bauvorhaben kann durchaus die Zusammenschaltung von einer sogenannten integrierten Quartierslösung helfen, indem man durch eine dezentrale Energieerzeugung ganze Quartiere versorgt. Es wird aber so sein, dass die Branchenakteure aus den jetzigen Bauvorhaben und den Herausforderungen der nächsten 3 Dekaden lernen und intelligente Lösungen erschaffen werden, die wir uns vor zehn Jahren teilweise noch nicht hätten vorstellen können. Das hat zu tun mit der fortschreitenden, umfassenden Digitalisierung im Bauwesen, mit smarten Bauelementen, mit Wasserstofftechnologien und auch mit neuen Arbeits- und Lebenswelten. Nicht nur die zu erwartende CO2-Preissteigerung macht ein „weiter so“ unmöglich und treibt den Fortschritt an. Machen wir uns auf den Weg in die Zukunft.

Köln, 23. August 2021

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